Editorial · Nº 01 · Lesezeit 4 Minuten
Was heute geschieht, hat eine Geschichte.
Warum ein neues Magazin aus Wien sich ausgerechnet das nimmt, was am knappsten ist: Zeit.
Von der Redaktion
Jeden Morgen beginnt die Gegenwart von vorn. Über Nacht ist sie fortgeschrieben worden, in Eilmeldungen und Kommentaren, in Bildern, die in Sekunden um die Welt gehen und am Abend schon vergessen sind. Wer mithalten will, muss schnell sein. Wer verstehen will, muss etwas anderes tun: stehen bleiben.
Dieses Magazin ist ein Versuch, stehen zu bleiben. Nicht aus Trotz gegen das Neue, sondern aus Neugier auf das, was darunter liegt. Denn fast alles, was uns heute beschäftigt, hat eine Vorgeschichte. Die Debatte über eine Straße hat eine Geschichte, der Streit um ein Wort, die Angst vor dem Fremden, die Hoffnung auf das Neue. Wer sie kennt, sieht die Gegenwart schärfer – und manchmal gelassener.
Zuhören statt hinterherlaufen
Wer die Gegenwart verstehen will, muss ihr zuhören – nicht nur hinterherlaufen. Zuhören heißt: Texte, die länger sind als ein Absatz. Gespräche, in denen jemand ausreden darf. Bilder, die nicht nur illustrieren, sondern selbst erzählen. Und Fragen, auf die es nicht sofort eine Antwort gibt.
Lieber eine Woche später als einmal falsch.
Darum ist Gegenwart zuerst ein gedrucktes Heft. Papier zwingt zur Auswahl. Was gedruckt wird, muss Bestand haben, über den Tag hinaus. Es soll aufgehoben, weitergegeben, wieder aufgeschlagen werden. Online geht es weiter: mit ausgewählten Texten, Gesprächen und Hinweisen zwischen den Ausgaben – aber ohne den Ehrgeiz, als Erste etwas zu melden.
Sechs Richtungen, ein Blick
Wir schauen in sechs Richtungen: nach vorn in die Zukunft und zurück in die Vergangenheit, die das Heute erklärt und manchmal widerlegt; auf die Gegenwart selbst, genau hingeschaut statt nur gemeldet; auf Gott und die Welt, die alten Fragen nach dem Guten und dem Sinn; auf Kunst und Kultur und die Menschen, die sie machen; und auf die Gesellschaft, auf Macht, Streit und Zusammenleben.
Was diese Richtungen verbindet, ist eine Haltung: Genauigkeit vor Geschwindigkeit, Neugier vor Gewissheit, Gespräch vor Lagerdenken. Wir werden nicht immer recht haben. Aber wir wollen sorgfältig sein, wenn wir uns irren, und offen, wenn andere es besser wissen.
Warum Wien
Wien ist eine Stadt, die ihre Vergangenheit sichtbar trägt – in Fassaden und Kaffeehäusern, in Debatten, die seit hundert Jahren nicht ganz zu Ende geführt sind. Kaum ein Ort eignet sich besser, um über das Verhältnis von Gestern und Heute nachzudenken. Unser Blick beginnt hier. Er endet nicht hier.
Und der Pelikan?
Er ist unser Wappentier. Er sammelt geduldig, er fliegt gemeinsam, und er steht seit Jahrhunderten für Fürsorge. Außerdem hat er einen großen Schnabel – was sich für ein Magazin, das etwas zu sagen hat, nicht schlecht trifft.
Die erste Ausgabe ist in Arbeit. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind – als Leserin, als Leser, und gern auch als Autorin oder Autor.
Die Redaktion von GegenwartWien, im Herbst